Alex Todericiu: Ithaka im Taschenformat
“Think you’re escaping and run into yourself. Longest way round is the shortest way home.”
— James Joyce, Ulysses (1922)
Als die AP am 28. März meldete, zwölf Tonnen KitKat seien auf dem Weg von Italien nach Polen verschwunden und „the vehicle and its load are still nowhere to be found“, bezog die Nachricht ihren Reiz zunächst aus ihrer Absurdität. Verloren gegangen waren weder Waffen noch Rohstoffe, sondern industriell gefertigte Schokolade. Gerade diese Banalität macht den Fall aufschlussreich. Moderne Gesellschaften zeigen ihre Struktur nicht nur in Krisen, sondern auch in jenen Gegenständen, deren Alltäglichkeit ihre kulturelle Funktion unsichtbar gemacht hat.
„We can confirm that 12T of KitKat products were stolen (…) The good news: there are no concerns for consumer safety, and supply is not affected“, konnte man am 29.03.2026 in einer offiziellen Mitteilung von KitKat auf X lesen.
KitKat ist ein solcher Gegenstand. Der Riegel steht nicht einfach für Süße oder Genuss, sondern für eine sozial legitimierte Form der Unterbrechung. Der Slogan „Have a break, have a KitKat“ verspricht keine Erfüllung, sondern eine kleine Pause im Takt der Beanspruchung. Die Moderne gewährt Erholung meist nicht als Ausstieg, sondern als Intervall. KitKat ist eine ihrer erfolgreichsten Formeln.
Die Pause bleibt unterwegs
Darin lebt, im Kleinen, ein altes Motiv fort. Die Griechen nannten es Nostos: Heimkehr als Rückgewinnung von Ordnung nach Zerstreuung. In Homers Odyssee besitzt dieses Motiv mythische Größe. Bei James Joyce wird es in den Alltag verlegt. Ulysses macht aus der Irrfahrt keine heroische Expedition mehr, sondern eine Bewegung durch die Stadt. Leopold Bloom durchquert kein Meer, sondern Dublin; seine Prüfungen heißen Müdigkeit, Ablenkung, Begehren, Reklame, Zufall. Gerade darin zeigt sich die moderne Gestalt des alten Musters: Heimkehr ist nicht mehr das große Ende des Abenteuers, sondern eine immer wieder nötige Leistung der Selbstsammlung innerhalb des Gewöhnlichen.
Natürlich ist es riskant, einem Industrieprodukt mehr kulturelle Tiefenschicht zuzuschreiben, als seine Hersteller je beabsichtigt haben. Aber gerade die Moderne lebt davon, dass ihre tiefsten Routinen sich in ihren flachsten Objekten ablagern.
So lagert sich in diesem Riegel eine soziale Praxis ab, die der Moderne eigentümlich ist: Erholung erscheint nicht als Ausstieg, sondern als kurze, konsumierbare Rückkehr zu sich selbst. Nicht Ithaka, gewiss. Aber die handliche Version eines alten Bedürfnisses, im Strom der Zerstreuung für einen Augenblick wieder Form zu gewinnen.
Dabei betreibt diese Form der „Veredelung“ des Banalen zwangsläufig eine ästhetisierende Verschleierung ihres materiellen Untergrunds. Indem der Riegel zum philosophischen Ankerpunkt verklärt wird, verschwinden die ökonomischen Kosten seiner Existenz fast im Nebel der Semiotik.
Deshalb ist der Diebstahl mehr als nur eine kuriose Meldung. Nicht weil mit dem Lastwagen sogleich eine Zivilisation ins Wanken geriete, sondern weil an einem lächerlich kleinen Gegenstand sichtbar wird, worauf hochkomplexe Ordnungen beruhen: auf verlässlicher Zirkulation, pünktlicher Ankunft und der stillen Erwartung, dass selbst das Geringfügige verfügbar bleibt. Moderne Stabilität zeigt sich gerade darin, dass man über ihre Voraussetzungen nicht nachdenken muss. Erst wenn ein Produkt ausfällt, das für beiläufige Regelmäßigkeit steht, tritt diese Regelmäßigkeit selbst als kulturelle Leistung hervor.
Ostern und die Symbolik der Knappheit
Aus einem Transportvorfall wird kurz vor Ostern eine kleine Knappheitserzählung. Was fehlt, ist nicht bloß Süßware, sondern eine Ware, die sich ohnehin mit Ritualen kleiner Belohnung verbindet. Der Kalender verleiht dem Verschwinden keine tiefere Wahrheit, wohl aber größere Sichtbarkeit.
Auch der Joyce-Bezug gewinnt genau hier seine Berechtigung. Bloom ist nicht deshalb interessant, weil man ihm nachträglich eine Marke in die Hand legen könnte, die es 1904 noch nicht gab. Er ist interessant, weil Ulysses die moderne Existenz als Abfolge von Unterbrechungen, Umwegen und episodischer Selbstvergewisserung begreift. In dieser Anthropologie des Alltags liegt die eigentliche Nähe. KitKat erscheint darin nicht als geistreiche Pointe, sondern als Objekt einer Welt, in der Menschen ihre Kontinuität nicht heroisch, sondern provisorisch herstellen.
Der europäische Zusammenhang ist deshalb nicht pathetisch, sondern nüchtern zu bestimmen. Ein Kontinent, der seinen Alltag über Grenzen hinweg durch Lieferketten, Normen und Infrastrukturen organisiert, hängt nicht nur von großen Energie- und Finanzströmen ab, sondern ebenso von der Zuverlässigkeit kleiner Warenbewegungen. Der verschwundene Lastwagen ist ein Hinweis auf die Art von Ordnung, in der Europa sich praktisch vollzieht: als System unspektakulärer Verlässlichkeit.
Die Fragilität des Selbstverständlichen
Gerade darin liegt die Bedeutung des Falls. Das Selbstverständliche sitzt heute oft im Kleinen: im Wiederholbaren, fast Unsichtbaren. Dort, wo Zivilisation am unscheinbarsten erscheint, erweist sie sich auch als verletzlich. Verloren gegangen ist nicht die große Ordnung, sondern die Erwartung, dass ihre kleinsten Gesten geräuschlos funktionieren.
Odysseus suchte die Heimkehr nach Ithaka. Bloom sucht im Alltag eine Form des Ankommens bei sich selbst. Die Moderne hat daraus keine große Versöhnung gemacht, sondern eine Serie kleiner, funktionaler Rückkehrbewegungen. In diesem Sinn ist der Riegel nicht Ithaka selbst. Aber er markiert im Taschenformat ein Bedürfnis, das älter ist als die Warenwelt: für einen Augenblick wieder bei sich anzukommen.
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