Ein neuer Zensurstreit erschüttert britische Schulbibliotheken: Immer häufiger sollen Bücher aus den Regalen verschwinden, darunter nicht nur Romane, sondern auch Kunstwerke mit historischen Aktdarstellungen. Diese Maßnahme wird zwar mit dem Schutz begründet, sorgt jedoch für massive Kritik. Gewerkschafter und Bibliothekare warnen vor einem Klima der Angst, in dem selbst klassische Literatur und etablierte Werke unter Druck geraten. The Daily Mail berichtete.

Kunstwerke plötzlich „unangemessen“?

Auf der Jahreskonferenz der National Education Union (NEU) wurde ein brisantes Thema angesprochen: Schulbibliothekare berichteten, dass sie Kunstbücher aus den Regalen nehmen sollen, die historische Gemälde oder Skulpturen mit nackten Darstellungen zeigen.

Die Delegierte Laura Butterworth bringt es auf den Punkt: „Ich habe von vielen Bibliothekaren in meinem Wahlkreis gehört, dass sie Kunstbücher aus den Regalen nehmen müssen, weil diese historische Gemälde und Skulpturen mit Aktdarstellungen enthalten. Das ist doch absurd.“ Und sie warnt weiter: „Literatur ist eine Kunstform, und wir müssen sicherstellen, dass wir sie nicht untergraben oder zensieren.“

KI sortiert Bücher aus – sogar „1984“ betroffen

Auslöser der Debatte ist ein Vorfall an der Lowry Academy in Salford. Dort wurde eine Bibliothekarin dazu gezwungen, als „unangemessen“ eingestufte Bücher zu entfernen.

Besonders brisant: Die Auswahl erfolgte mithilfe künstlicher Intelligenz. Rund 200 Bücher wurden markiert, darunter George Orwells „1984“, Stephenie Meyers „Twilight“ sowie Werke wie Michelle Obamas „Becoming“ oder „The Notebook“.

Die Bibliothekarin berichtete, dass sie sogar einer Untersuchung unterzogen wurde, was schließlich zu ihrem Rücktritt führte.

Ein Beispiel: Eine Graphic-Novel-Version von „1984” wurde laut KI wegen „Themen wie Folter, Gewalt und sexuelle Nötigung” als problematisch eingestuft.

Gewerkschaft warnt vor Klima der Angst

Die NEU reagierte mit einem Dringlichkeitsantrag und will aktiv gegen Zensur vorgehen. Ziel ist es, Bibliothekare zu schützen und ihnen Sicherheit zu geben. Kristabelle Williams erklärte: „Wir können die Probleme, die dieser Fall aufgeworfen hat, nicht ignorieren.“ Sie betonte auch die Folgen für den Berufsalltag: Die Unterstützung der Gewerkschaft solle Bibliothekaren das Selbstvertrauen geben, sich nicht selbst zu zensieren und dem abschreckenden Effekt zu widerstehen.

Auch von anderer Seite kommt Kritik. Bernice Reynolds spricht von einem „direkten Angriff auf unsere Bildungswerte“ und warnt: „Die Einschränkung des Zugangs zu Geschichten hat noch nie ein Kind gestärkt.“

NEU-Generalsekretär Daniel Kebede schlägt ebenfalls Alarm: „Jeder Versuch, Bücher in Schulbibliotheken auf der Grundlage von Fehlinformationen und Panikmache zu zensieren, sollte bei uns allen die Alarmglocken läuten lassen.“

Schule weist Vorwürfe zurück

Der Betreiber der betroffenen Schule, der United Learning Trust, weist die Vorwürfe teilweise zurück. Ein Sprecher betont: „Es ist nicht so, dass Bücher von der Schule ‚verboten‘ worden wären.“

Stattdessen habe man eine Überprüfung durchgeführt. Die meisten Bücher seien neu eingeordnet worden, nur eine sehr kleine Anzahl sei tatsächlich entfernt worden. Begründung: Diese Werke seien selbst für ältere Schüler inhaltlich ungeeignet gewesen.