„Österreich soll unsere Stärke sehen“ Türkische Community will Kirche kaufen
Weil immer weniger Katholiken zum Gottesdienst kommen, steht eine Steyrer Kirche vor dem Verkauf. Manche Muslime träumen schon von deren Umwandlung in eine Moschee. Andere von einer interreligiösen Utopie.
Der Pfarrkirche Heiliger Josef im oberösterreichischen Steyr ist sicher unter den Top Ten der hässlichsten Kirchen Österreichs. Es liegt aber wohl nicht nur an der Architektur des Brutalismus der 1960er Jahre, die den Sakralbau aus nacktem Sichtbeton für Gläubige unattraktiv macht. Auch gemeinhin als schön empfundene Kirchen leiden an Besucherschwund. Im Steyrer Stadtteil Ennsleite aber ist dieser dermaßen ausgeprägt, dass sich der Pfarrgemeinderat zu einem drastischen Beschluss genötigt sah: Die Kirche soll verkauft werden.
Die zu Wochenbeginn von Regionalmedien verbreitete Nachricht sorgte zwar überregional für weniger Aufsehen als ein in der Ostsee gestrandeter Buckelwal, sprach sich aber über austro-türkische Plattformen bis an den Bosporus herum. Auf der Facebookseite der Plattform Avusturya Haberli (zu deutsch etwa: Österreich-Nachrichten) wird nun intensiv über den Verkauf des katholischen Gotteshaus und dessen künftiges Schicksal debattiert. Ein KI-generiertes Bild zeigt dort die Nacktbetonkirche, davor ein Schild mit der türkischen Aufschrift „Satilik” (türk.: zu verkaufen) und den verzweifelten „Pater” Burghard Ebenhöh, der freilich kein Pater ist, sondern, wie es im neuen amtskirchendeutsch heißt, „Grundfunktionsbeauftragter Liturgie”. Sprache kann so abschreckend sein wie kahle Betonwände.
„Allen blutet das Herz"
Dass ob der Verkaufsentscheidung „allen das Herz blutet“, hat der Seelsorger wirklich gesagt. Dass es allen so geht, stimmt aber auch nicht ganz. Ümit Y., ein in der Eisenstadt lebender Türke träumt nicht alleine, wenn er schreibt: „Die Kirche hier in Steyr-Ennsleite wäre eine sehr schöne Moschee. Lasst uns alle zusammenkommen, sie kaufen und zu einer Moschee machen.“
Mustafa S. ruft die Islam-Vereine in Österreich auf, sofort Kontakt mit der Pfarre aufzunehmen, zu „kaufen und in eine Moschee umwandeln”. Halil T. ist gegen einen Kauf, weil das Kreuz und die Dinge im Inneren der Kirche nicht mit dem Islam vereinbar seien. Dafür aber hat Ali B. eine Lösung: Die Türken sollten die Kirche kaufen, „das Kreuz entfernen und einen Halbmond darauf setzen”.
Fahrettin Y. würde die Kirche nur kaufen, „wenn sie erlauben, ein Minarett zu bauen”. Für Inan T. wäre eine Umwandlung der Kirche in eine Moschee ein ganz besonderes Symbol: „Österreich soll unsere Stärke sehen.”
Türkische Eroberung
Erdal I. meldet sich mit einem Diskussionsbeitrag aus Helmstedt: „In der Stadt in Deutschland, in der ich lebe, haben wir ein Gebäude, das früher eine Kirche war, in eine Moschee umgewandelt.“ Tatsächlich hat in der niedersächsischen Stadt die DITIB, der deutsche Ableger der türkischen Religionsbehörde, vor zwölf Jahren das Gebäude der dortigen neuapostolischen Kirche gekauft und daraus die Fatih-Moschee gemacht. Die Namensgebung lässt gewisse Rückschlüsse auf die Sensibilität türkischer Religionsbeamter im interreligiösen Umgang zu: „Fatih“ bedeutet zu deutsch „Eroberung” und bezieht sich auf Sultan Mehmed II., der 1453 das byzantinische Konstantinopel erobert hatte. Solche Fatih-Moscheen gibt es übrigens viele. Auch in Österreich, zum Beispiel in Wien, Wiener Neustadt, Braunau, Feldkirch, Wörgl.
In Fall der Hamburger Kapernaum-Kirche wurde die „Eroberung“ sogar als respektvolle Handlung verkauft: Dieses evangelische Gotteshaus hatten Muslime schon 2013 erworben. Auf der daraus entstandenen Al-Nour-Moschee wurde das Turmkreuz nicht durch einen Halbmond ersetzt, sondern durch einen arabischen Schriftzug.
Der nun über der Ex-Kirche im Scheinwerferlicht goldglänzende Begriff „Allah” symbolisiere, so der Al-Nour-Verein, „als Name Gottes das Gemeinsame und damit den gegenseitigen Respekt”.
Zakat für Christen?
Nicht alle Türken ticken freilich so eroberungslustig wie jene, die in der Umwandlung der Hagia Sophia, der ehemals christlichen Kirche in Istanbul, in eine Moschee einen Handlungsauftrag von Staatschef Recep Tayyip Erdogan für ähnlich Aktivitäten in der türkischen Diaspora sehen. In die Debatte auf der türkischen Plattform mischen sich auch nachdenklichere Stimmen. Ugur K. rät den vom Kirchenkauf träumenden Glaubensgenossen, ihre Meinung für sich zu behalten. „Wenn man dort eine Moschee baut, würde die Bevölkerung rebellieren“, ist sich K. sicher und hat eine bessere Idee: „Die Türken dort sollen Geld sammeln und es der Gemeinde geben, damit die Kirche wieder eröffnet wird.“ Auch Ilhan Imam Ö. fände es gar nicht abwegig, Christen von der muslimischen Spendenpflicht (Zakat) profitieren zu lassen: „Wäre es nicht attraktiver, die Kirche zu unterstützen und ihr zu helfen?“ Mustafa S. hält davon gar nichts. Da das Christentum „sowieso eine falsche, erfundene und verfälschte Religion“ sei, gibt es für ihn nur diese Option: „Lasst uns die Kirche kaufen und zur Moschee machen.“ Dem stellt Muhammet K. eine Salomonische Lösung gegenüber: „Ganz einfach: Man beteiligt sich gemeinsam an den Kosten und nutzt einen Teil als Kirche und einen Teil als Moschee. Schließlich sind beide wahre Religionen.“
Was auch immer sich Muslime für den katholischen Betonklotz ausmalen, das letzte Wort hat die Diözese Linz. Bevor eine Entscheidung über die zukünftige Verwendung des Gotteshauses fällt, muss der Bischof die sakrale Widmung aufheben. Auch nach dieser Profanierung kann nach den internen Kircheregeln nicht alles gemacht werden, ganz abgesehen vom Denkmalschutz, unter dem die Ennsleiter Kirche steht. Die Nachnutzung darf nicht dem religiösen Charakter widersprechen, was „unwürdige“ Nutzungen wie einen Nachtklub ausschließt. Die Bischofskonferenz betont ausdrücklich, dass Kirchen nicht rein kommerziell verwertet werden sollen. Der dort für diese Thematik zuständige Innsbrucker Oberhirte Hermann Glettler hatte im vergangenen Jahr die Prioritäten bei einer Abgabe von Kirchengebäuden genannt: Bevorzugt sollten diese an eine „andere Konfession“ gehen. Gemeint hat er damit im Sinne „ökumenischer Verantwortung“ eine andere christliche Konfession. Die Frage nach einer muslimischen Übernahme stellte sich nicht, könnte sich aber angesichts (austro-)türkischer Debatten mit offenkundigen Fatih-Fantasien einerseits und interreligiösen Utopien andererseits durchaus stellen.
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