Ein Blick auf die aktuellen Daten zeigt eine Entwicklung, die viele überraschen dürfte: Seit dem Jahr 2000 hat sich die installierte Stromkapazität – also die maximale mögliche Leistung aller Kraftwerke – in der EU nahezu verdoppelt. Besonders stark gewachsen sind dabei die erneuerbaren Energien.

Doch während diese Leistung immer weiter steigt, bleibt die tatsächliche Stromproduktion nahezu konstant. Die Wiener Denkfabrik Abenda Austria hat eine Grafik erstellt. Die Kurven klaffen auseinander: oben der steile Anstieg bei den Anlagen, unten die stagnierende Erzeugung.

Fast doppelte Kraftwerksleistung, aber kaum mehr Strom: Die EU-Energiewende liefert ein ernüchterndes Bild.Agenda Austria/Ember

Die zentrale Erkenntnis: Mehr Kraftwerke bedeuten nicht automatisch mehr Strom.

Das Problem liegt im System

Der Grund dafür ist kein Zufall, sondern systembedingt. Wind- und Solarenergie liefern keinen konstanten Strom.

Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, sinkt die Produktion – unabhängig davon, wie viele Anlagen installiert sind. Damit steigt zwar die maximal mögliche Leistung, nicht aber die verlässliche Versorgung.

Oder anders gesagt: Die Energiewende baut Kapazität auf – aber keine Stabilität.

Ohne Speicher keine echte Unabhängigkeit

Die Hoffnung, sich durch erneuerbare Energien vollständig von fossilen Energieträgern zu lösen, stößt damit an klare Grenzen. „Der Ausbau erneuerbarer Energien könnte die Abhängigkeit von fossilen nur dann erfolgreich verringern, wenn effiziente und ausreichende Speichermöglichkeiten vorhanden wären“, erklärt Ökonomin Carmen Treml von der Agenda Austria.

Solche Speicherlösungen fehlen bislang in großem Maßstab.

Politische Entscheidungen verschärfen die Lage

Hinzu kommt eine energiepolitische Strategie mit weitreichenden Folgen: In mehreren europäischen Ländern wurden Kernkraftwerke abgeschaltet – also genau jene Energiequellen, die konstant und zuverlässig Strom liefern.

Gleichzeitig wurde der Ausbau erneuerbarer Energien massiv vorangetrieben, ohne ausreichend für stabile Backup-Systeme zu sorgen.

Das Ergebnis: ein System, das immer stärker schwankt.

Ohne Backup droht das nächste Problem

Experten warnen deshalb vor einem strukturellen Risiko. Ohne: verlässliche Backup-Kraftwerke (etwa Gas), ausreichende Speichertechnologien und einen leistungsfähigen Netzausbau bleibt Europa anfällig für Energieengpässe.

Oder, wie es Treml formuliert: Ohne diese Voraussetzungen drohen die aktuellen Ausbauziele vor allem eines zu erzeugen – „mehr Bürokratie statt Planungssicherheit“.

Die unbequeme Bilanz

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist Realität. Doch die erhoffte Wirkung bleibt aus. Europa hat heute deutlich mehr Windräder und Solaranlagen als noch vor zwei Jahrzehnten. Aber nicht deutlich mehr Strom.

Eine Frage wird daher immer drängender: Wie lange kann ein System funktionieren, das immer größer wird – aber nicht mehr liefert?